#digitallife

Träume und Schäume in sozialen Medien

4#Keinfilter

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PITT

4.1 Didaktischer Kommentar

Joachim Pfeiffer / Stephan Wintermantel

Die Frage, ob wir die Wirklichkeit so erkennen können, wie sie ist, beschäftigt die Philosophie seit ihrem Anfang. Während Platon der Meinung war, dass wir immer nur verzerrte Abbilder der ,eigentlichen‘ Wirklichkeit – der Welt der Ideen – wahrnehmen und dass diese ,wahre‘ Wirklichkeit nur jenseits des Physischen (meta physis) existiert, stellte Kant im Rahmen einer modernen Erkenntnistheorie die These auf, dass es keine Welt hinter den Erscheinungen gebe bzw. dass die Weltwahrnehmung immer durch unseren Erkenntnisapparat ,affiziert‘ sei: Wir nehmen die Dinge nur in ihren Erscheinungen wahr – gefiltert durch unser Wahrnehmungsvermögen, das die äußere Wirklichkeit durch sinnliche und kognitive Muster überformt. Die Dinge an sich, so schreibt Kant, sind nicht wahrnehmbar.

Mit der Verbreitung des Internets und der Digitalisierung spitzt sich das Problem der Wirklichkeitserkennung zu, da es nun möglich wird, virtuelle Welten zu erschaffen, die der realen Welt gleichen, die reale Welt ersetzen oder in denen die reale Welt digital verändert wird (man spricht dann von „augmented reality“) – bis hin zur Ununterscheidbarkeit.

Dazu kommt, dass die Wahrnehmung der User auf verschiedene Weise ,gefiltert‘ werden kann: Künstliche Filter digitaler Plattformen bestimmen, welche Informationen dem Einzelnen zur Verfügung gestellt und somit wahrgenommen werden können. Auch das Individuum kann für sich selbst einen persönlichen Informationswahrnehmungsfilter generieren, was gemeinhin als „Filterblase“ bezeichnet wird: Das Individuum erhält ausschließlich Informationen, die sein persönliches Weltbild bestätigen.

Die Virtualisierung der Wirklichkeit kann im Bereich persönlicher Identitäten und Selbstbilder besondere Formen annehmen: Durch Mittel verbaler oder visueller Selbstinszenierung wird es möglich, sich eine neue Identität oder Identitäten zuzulegen, die mit dem realen Ich nur lose verbunden oder die sogar als Gegenentwürfe zur eigenen Identität gedacht sind. Anfängliche Selbstinszenierung kann sich zur zwanghaften Selbsttäuschung entwickeln, die im zwischenmenschlichen Bereich zur Fremdtäuschung, dem sog. Catfishing, führen kann:  Ein „Catfish“ gibt sich im Internet als jemand anderes aus, entweder als eine andere reale Person oder als frei erfundener Mensch.

Was als Betrug erscheinen mag, kann auch als kreative Möglichkeit neuer Selbstentwürfe verstanden werden – Sherry Turkle versuchte bereits Ende der 1990er-Jahre in ihrem Buch Leben im Netz: Identität in Zeiten des Internet (1998) diesen virtuellen Identitäten Positives abzugewinnen. Sie sieht in der Virtualisierung auch ein Experimentierfeld für die persönliche Weiterentwicklung und Selbsterfahrung: Virtualität „kann das Floß, die Leiter, der Übergangsraum, das Moratorium sein, die man hinter sich läßt, sobald man einen größeren Grad der Freiheit errungen hat. Wir sollten das Leben auf dem Bildschirm nicht ablehnen, aber wir sollten es auch nicht als ein alternatives Leben betrachten. Wir können es als einen Freiraum zur persönlichen Weiterentwicklung nutzen.“ (Ebd.)

 


Man muss diesen Optimismus nicht teilen, man sollte ihn aber auch nicht von vorneherein ablehnen: Die neuere Entwicklung zeigt, dass die Virtualisierung unserer Welt und unserer Identität hervorragende Möglichkeiten der Kreativität und der Kommunikation bietet und einen Raum für die spielerische Erprobung von Zukunftsentwürfen und alternativen Selbstentwürfen schafft.

In didaktischer Hinsicht ist es jedoch wichtig, die Gefahren zu reflektieren, die entstehen, wenn diese Kreativität zur Illusionsbildung und zur Täuschung wird. Wenn etwa bei Instagram durch die Anwendung von Filtern, insbesondere durch zahlreiche Face Filter das eigene Bild den persönlichen Wunschvorstellungen angepasst wird, dann erfolgt dies oft unreflektiert durch den Zwang gesellschaftlicher Normierungen, die die ,Ideale‘ des Aussehens, des Verhaltens oder der Kommunikationsformen vorgeben. Der Unterricht sollte reflektieren, inwiefern durch solche Vorgaben und Redeordnungen Jugendliche manipuliert oder gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen ausgesetzt werden. Diese Reflexion sollte jedoch ohne pauschale Abwertung der kreativen Möglichkeiten erfolgen, die die Digitalisierung heute in vielerlei Hinsicht bereithält. In aktiven Produktionsprozessen können die Schüler/-innen durch den Einsatz verschiedener Filter und Filterebenen die kreativen Möglichkeiten, aber auch die manipulative Macht konstruierter Welten und inszenierter Identitäten erproben.

 

Literatur

Turkle, Sherry (1998): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Hamburg.

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